PUNKTGEWINN IN DER SCHLUSSMINUTE
Was die blutjunge Optikelf dann auf dem Kunstrasen zeigte, übertraf alle Erwartungen, selbst die des Trainers. Nach zwölf Minuten fing Simeon Hawwary eine Flanke, nach 20 Minuten musste er einen Schuss abwehren. Bis dahin hatte sich der FSV schon mehr Gelegenheiten erarbeitet als zu Saisonbeginn in einer kompletten Partie.
Beispiele gefällig? Nach der ersten Ecke Marcito Vicente ziemlich frei per Kopf - knapp vorbei. Yohji Kore aus vollem Lauf - gehalten. Yohji nach missglücktem Rückpass - Reflex von Hajo-Michel Kurth.
Dazwischen eine knifflige Szene für Schiedsrichter David Petzak aus Berlin. Wieder Kore gegen Kurth. Yohji kam am Keeper vorbei und dann zu Fall. Notbremsen-Rot und Elfmeter oder Gelb für Schwalbe? Der Referee war sich offensichtlich genauso unsicher wie die Zuschauer und pfiff nichts von beidem. Das waren nur die größten Gelegenheiten.
Nach einer halben Stunde hatte der FCA dann seine erste Chance als Evgeni Pataman am Klasse reagierenden Simeon Hawwary scheiterte. Sollten die 20 Optik-Fans unter den 87 Zuschauern eventuell die Befürchtung gehegt haben, die Partie könne sich nun drehen, zerstreuten die Jungs in mintgrün diese Befürchtungen sofort. Ein ums andere Mal schnell über außen, mit prima Ballstafetten und klugem Direktspiel, hinten aufmerksam und immer einen Schritt schneller als der Gegner.
Es macht einfach Spaß, dieser Mannschaft zuzusehen. Nur, „leider“ ist Fußball ein Ergebnissport. Es gelang Rathenow nicht, die wirklich starke Leistung in Tore umzuwandeln. Weder Joshua Bateman mit einem Kracher aus vollem Lauf noch Yohji Kore nach feinem Solo konnten Hajo-Michel Kurth überwinden.
So ging es mit 0:0 – nein, nicht in die Kabinen. Vernünftigerweise hatten sich beide Teams vorher geeinigt, sich bei Sonnenschein und 8 Grad den sehr langen Weg vom Kunstrasenplatz zum Sozialgebäude zu sparen. Zumal man dabei am sattgrünen Rasenplatz vorbei gemusst hätte. Nicht nur die Gäste, auch Anker hätte viel lieber dort, direkt im Stadion gespielt.
Die zweite Hälfte begann der FSV zu offen. Pascal Breier kam zum Konter, Gia Huy Phong rettete vor der Linie. Die Havelländer konzentrierten sich wieder und übernahmen erneut die Initiative. In der 54. Minute musste die Mannschaft in Führung gehen. Wieder ein schlampiger Rückpass der Mecklenburger, wieder spritzte Yohji Kore dazwischen. Das ganze Tor vor sich, schoss er Keeper Kurth an.
Auf der anderen Seite war es Evgeni Pataman, der nach einem weiteren Konter das Tor verfehlte. Insgesamt hatten die Gäste weiter mehr vom Spiel, ohne dies in Zählbares umzusetzen.
Dann kam, was in solchen Fällen meist kommt. Anker-Coach Matthias Fink wechselte Joey Schierbaum ein, ein junger Kicker mit seinem ersten Oberliga-Einsatz. Mit seinem ersten Ballkontakt, ein Abstauber nach einem von Simeon Hawwary parierten Kopfball, markierte Schierbaum das 1:0. Regelmäßige Rathenower Fußballgäste ahnen es, auch dieses Gegentor fiel nach einer Ecke.
Nun zeigte sich jedoch auch, dass in den letzten Wochen am Vogelgesang ein echtes Team zusammengewachsen ist. Die spielerische Leichtigkeit der ersten 70 Minuten ging verloren, der kämpferische Einsatz wuchs dagegen nochmals. Im Duett sorgten zwei Einwechsler für die nächste große Möglichkeit. Nima Amiri setzte sich auf dem Flügel stark durch, Rojan Saribas lief sich im richtigen Moment frei, traf das Leder dann nicht voll.
Auch Yunus Solak, ebenfalls eingewechselt, hatte eine klare Ausgleichschance. Ungedeckt abschließend, flog der Ball über die Latte. 60 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit überlief Evgeni Pataman die (kaum noch vorhandene) Gästeabwehr, mit toller Fußabwehr hielt Simeon Hawwary seine Farben im Spiel. Im Gegenzug ein hoher Ball in den Strafraum. Salih Aktürk kam mit dem Kopf heran. Das Leder kam nicht Richtung Tor, fiel stattdessen Chris Onu vor die Füße. Der fackelte nicht lange, zog ab und traf zum umjubelten 1:1.
Ingo Kahlisch: „Zunächst Danke an sympathische Gastgeber. Da fährst du fast 300 Kilometer, findest einen grünen Rasen vor und spielst auf einem Gummiplatz. Aber bevor wieder einige meckern, die Stadt Wismar hat den Hauptplatz schon seit Wochen gesperrt, der FC Anker kann nichts dafür.
Zum Spiel: Das war eine der besten Leistungen der letzten drei Jahre. Natürlich müssen wir zur Halbzeit mit zwei, drei Toren in Führung liegen. Nach hinten raus wurde es dann eng, da freut es mich einfach, wie wir mit einer Wahnsinnseinstellung in der 90. Minute den hochverdienten Punkt gerettet haben. Die Tendenz mit dieser Mannschaft ist eindeutig positiv. Ich denke, es lohnt sich, bei der Stange zu bleiben und damit meine ich sowohl die Gruppe, als auch die Verantwortlichen in Rathenow!“
Optik: Hawwary – Hinze (G/76. Donner), Reichenbach, Abal (63. Solak/G), Phong - Bateman, Aktürk (G) – Vicente (76. Saribas), Zdep, Onu (90.+4 dos Santos) – Kore (63. Amiri)
Tore:
1:0 Joey Schierbaum (71.)
1:1 Christiantus Nnanna Onu (90.)