"SCHAUEN, DASS WIR ÜBER DIE RUNDEN KOMMEN"
„Mittlerweile muss man sagen, dass die Oberliga Nord bärenstark geworden ist. Und wir müssen und wollen uns im Laufe der Saison mit den 5-6 Teams, die auch mit unten drinstehen, auseinandersetzen. Wir wollen dabei versuchen, die Oberliga-Spielklasse für Optik zu erhalten. Für uns ist es nach wie vor eine hohe Spielklasse. Und wenn ich sehe, was andere Vereine darin investieren, dann wird mir schwindelig.“
Bist du mit der derzeitigen Entwicklung in unserem Team zufrieden?
„Wir sprechen immer von Entwicklung, aber es ist schwierig, aus einem Brauerei-Pferd einen Galopper zu machen. Wir geben natürlich alles unser Bestes über die Jahre. Doch wir haben mittlerweile in der Regionalliga mehrere Vereine, in der Oberliga 7-8 Vereine und dann ist immer die Frage: Was für Spieler bekommen wir? Die Entwicklung im Nachwuchs ist sehr positiv, besonders für die Großfeld-Mannschaften. Aber der Sprung von der Jugend in den Männerbereich ist riesengroß. Und der Nachwuchs kostet natürlich auch Geld mit den weiten Auswärtsfahrten.“
Wir haben wie so oft eine sehr junge Mannschaft. Sind hier Spieler dabei, die auf einem guten Weg sind?
„Dass wir eine junge Mannschaft haben, ist in erster Linie dem Geld geschuldet. Das muss man immer wieder sagen. Ich hätte gerne 2-3 ältere Kollegen mehr auf dem Platz. Denn man sieht mit Justin Gerlach, Momo, der leider verletzt ist, und Jerome haben wir eine Achse, die aber bricht, wenn einer fehlt. Da braucht man einfach 4-5 ältere Kollegen. Aber das können wir uns einfach nicht leisten. Also müssen wir so schauen, dass wir über die Runden kommen. Und bei jungen Spielern geht es mal hoch und mal runter.“
Die nächsten Spiele stehen an: Sparta zu Hause, dann nach Rostock und Pokal. Wie sieht die Zielstellung aus?
„Wir wollen natürlich so viele Punkte wie möglich holen. Auch wenn ich Realist bin, sollten wir anstreben alle kommenden drei Spiele zu gewinnen. Und im Pokal wollen wir natürlich auch das Viertelfinale erreichen. Für Vereine ist immer wichtig, dass ein Geflecht aus Wirtschaft und Politik Rückendeckung gibt.“
Der Landrat Roger Lewandowski und Bürgermeister Jörg Zietemann geben sich immer wieder gesprächsbereit und bieten ihre Hilfe an. Was können Personen in diesen öffentlichen Ämtern bewirken?
„Diese Personen können schon sehr viel bewirken. Wir arbeiten sehr viel mit ihnen zusammen und reden sehr viel. Jetzt müssen wir mal abwarten, was passiert. Gemeinsam pushen wir den FSV hoffentlich wieder zusammen.“
Der Sponsoren-Pool beim FSV scheint auf den ersten Blick groß zu sein. Mehr geht aber immer, oder?
„Ich denke, dass es im Augenblick sehr schwierig ist für alle und das nicht nur in Rathenow und Umgebung. Und bezüglich einer Neuakquise müsste es erstmal neue Unternehmen geben. Ich möchte aber auf die Sponsoren hinweisen, die uns seit Jahren treu unterstützen. Wir brauchen diese Sponsoren für eine ordentliche Oberliga-Mannschaft, die letztlich auch unseren Nachwuchs mitfinanziert.“
Was sind die Posten, die uns am meisten belasten und dir die größten schlaflosen Nächte bereiten?
„Zur Zeit bereitet mir Vieles schlaflose Nächte. Wir müssen zusehen, dass wir Optik für die Zukunft gut aufstellen. Durch die Aussagen von Herrn Rangnick während der Heim-EM oder das kürzlich erschienene Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einer der größten deutschen Zeitungen, sieht man wie schon so häufig, dass wir ein überregionaler Werbeträger der Stadt sind. Und leider ist uns in 30 Jahren bei vielen nicht gelungen, das deutlich zu machen.“
Was für Konsequenzen hätte es für den Verein, gerade mit Blick auf den Kader und auf den Nachwuchs, wenn er finanziell in Schieflage geriet?
„Tja, das ist wie überall das Gleiche. Das brauch ich nicht erklären. Wer das nicht versteht, der tut mir leid. Unsere Mittel waren schon immer begrenzt, daraus haben wir aber viel gemacht. Wir hatten viele erfolgreiche Jahre und wo wir finanziell und sportlich nicht hingehörten, haben wir das dennoch ordentlich gemacht. Aber wenn sich der Alltag einschleicht, denken viele, es geht immer so weiter. Dem ist aber nicht so. Auch als Verein muss man sich weiterentwickeln, muss man gucken, wie kann man gewisse Sachen anders machen und trotzdem kann man auch in der Oberliga nicht ohne Geld Fußball spielen.“
Du bist seit über 35 Jahren Trainer bei uns. Du bist sehr gut vernetzt und weißt oft was auch in anderen Vereinen in ganz Ostdeutschland los ist. Kannst du eine kurze Einschätzung geben, was der Unterschied bei Struktur und Finanzen z.B. zur Spitze der Oberliga ausmacht oder sogar zur Regionalliga, von der wir meilenweit weg sind?
„Wir waren früher auch meilenweit entfernt. Wir haben gute Jahre gehabt. Durch unser Konzept Arbeit, Schule, Studium, Fußball konnten wir viele Spieler 3-4 Jahre binden. Heute ist das schwieriger. Viele junge Leute haben kein Interesse an einer Lehre und deswegen können wir diese nicht so lange binden. Und zu anderen Vereinen kann ich nur sagen, auch die Entwicklung im Amateurfußball ist mittlerweile sehr krank für mich persönlich. Auch bei Oberliga-Vereinen fließt mittlerweile so viel Geld, das können wir uns kaum vorstellen. Und das finde ich nicht richtig. Alles muss im richtigen Verhältnis sein. Wenn man aber nicht aufpasst, ist man irgendwann von der Bildfläche verschwunden.“
Ingo, du versuchst dennoch, aus einem im Vergleich zu anderen Vereinen kleinen Etat, das Maximale herauszuholen. Was ist deine Argumentation, um Spieler nach Rathenow zu locken, um hier Oberliga zu spielen? Berlin liegt schließlich direkt vor der Haustür und der Verdienst ist dort oft um das Vielfache höher.
„Ich würde sagen, unser Konzept für dieses Jahr, das auch mit dem Vorstand besprochen wurde, kann nur sein, junge Spieler die Interesse haben, mehrmals die Woche zu trainieren, Schritt für Schritt zu entwickeln. Denn wir trainieren auch etwas mehr als andere Vereine. Spieler wie Jakob Reichenbach oder Karim Alisaleha gehen diesen Schritt. Zudem kommt der wichtige Punkt des Trainingslagers im Winter, welches Spielerberater dazu bewegt, junge Spieler zu uns zu schicken, und das, obwohl wir weniger Geld haben. Doch insgesamt wird es immer schwieriger, Spieler vom Jugend-Fußball in den Männerbereich zu ziehen. Bei vielen fehlt der Wille und Biss, doch das ist teilweise auch ein gesellschaftliches Problem.“
Was sind deine Ziele für die nächsten Jahre und was wünscht du dir persönlich von der Region auf dem finanziellen Sektor?
„Ich will nicht nur über finanzielle Punkte sprechen. Ein Fußballverein oder generell ein Sportverein ist Identifikation vor Ort. Das hatten wir viele Jahre lang. Und heute weiß auch, dank Internet, jeder Bescheid über Bayern München, Gladbach und Hertha, und die eigenen Vereine werden vergessen. Und da geht es nicht nur um uns. Wenn wir uns die Region mal angucken, sind Traditionsvereine wie Stahl Brandenburg oder Chemie Premnitz, Lok Stendal seit 20 Jahren in der Bedeutungslosigkeit. Wir sind nicht mal ein sogenannter Traditionsverein, denn wir sind erst in den 90er Jahren hochgekommen. Ich denke, man sollte höllisch aufpassen, um dieses „Juwel“ aus dem Havelland nicht aus der Hand zugeben. Und da hilft nicht nur Ingo Kahlisch - da müssen alle helfen! Meine weiteren Ziele sind gesund zu bleiben. Mit meinen Mitstreitern Jerome Leroy und Sven Ahlendorf sowie allen Ehrenamtlichen werden wir dafür kämpfen, dass wir hier solange wie möglich leistungsorientierten Amateur-Fußball haben, und das mit einer ordentlichen Nachwuchsabteilung.
Herzlich Bedanken möchte ich mich zum Schluss noch bei unseren Sponsoren, die immer treu zu uns stehen und uns unterstützen. Ohne sie geht es einfach nicht. Und auch unseren Ehrenamtlichen sei gedankt. Sie investieren unendlich viel Zeit und Leidenschaft in den Verein und tragen dazu bei, dass alles reibungsfrei funktioniert.“